Ergibt Kraftfutter für Pferde Sinn?

Getreide, Müsli, Öle, Rübenschnitzel & Co.

Wie der Name schon sagt, soll Kraftfutter Pferden Kraft geben. Entstanden ist die Idee von Kraftfutter zu einer Zeit, als Pferde noch den ganzen Tag schwer arbeiten mussten, weil es noch keine landwirtschaftlichen Maschinen gab, und als Pferde gezwungen wurden, mit uns in den Krieg zu ziehen. Doch war Kraftfutter im Sinne einer artgerechten Fütterung wirklich jemals sinnvoll bzw. ist sie es heute noch?
Kraftfutter

Die Lebensmittelindustrie (für Menschen) hat irgendwann damit begonnen, „leicht verdauliche Kohlenhydrate“ in den Himmel zu loben. Leicht verdaulich wurde per se gleichgesetzt mit gut für den Körper. Doch was für Fleisch- und Allesfresser gilt, darf nicht so einfach auf einen Rohfaserspezialisten wie das Pferd übertragen werden. Dennoch wurde das Gesetz der Leichtverdaulichkeit auch ruck zuck in die Pferdefütterung übertragen. Menschen übernahmen es gerne. Kannten sie die positive Botschaft doch schon aus der Werbung für ihr eigenes Futter. So fragten sich nur sehr wenige, warum „leichte Verdaulichkeit“ für ein Tier, welches seit Millionen von Jahren auf „schwer Verdauliches“ eingestellt ist, überhaupt gut sein sollte. Sehr geschickt platzierte die Futtermittelindustrie das Gefühl im Pferdehalter, der vierbeinige Liebling bräuchte mehr Kraft – und ein Futter, welches viel Kraft verleiht. Das wurde so tief in die Pferdehalterpsyche implementiert, dass viele große Sorgen haben, das Pferd würde den Reiter nicht mehr tragen können, wenn es kein Kraftfutter bekäme.

Und so werden der Zeit Massen an Kraftfuttern verkauft. Dabei ist der gute alte Hafer noch der Harmloseste. Der Markt wird überschwemmt von Müslisorten und kräftigenden Zusätzen wie Kleien, Luzernen, Rübenschnitzeln, Hefen, Maisprodukten usw. Eines haben leider alle diese Dinge gemeinsam: Sie sind nicht artgerecht und können bei Fütterung gewisser Mengen Schäden anrichten.

Warum Kraftfutter leider nicht artgerecht ist

Wie zuvor in „Gesetze des Körpers“ bereits dargelegt, ist das Pferd auf wenig Energie, viel Rohfaser, viel Masse und langsame Verdauung ausgelegt. Das ganze Verdauungssystem arbeitet innerhalb dieser Richtlinien – jedes Rädchen greift in das andere und wird vom vorigen angestoßen.

Kraftfutter ist komprimiertes Futter. Denn es soll mit möglichst wenig Masse viel Energie liefern. Das heißt, es enthält kaum Rohfaser, dafür aber viel Energie (z.B. in Form von Zucker, Proteinen, Fetten usw.). Das ist das Gegenteil dessen, was Pferde in freier Natur fressen und das Gegenteil dessen, worauf der pferdische Verdauungstrakt ausgelegt ist. Würde ein Pferd sich von energiereichem Futter ernähren wie wir Menschen zum Teil oder Hunde und Katzen, müsste der Darm kürzer sein, Magen und Dünndarm dafür größer, der hauptsächliche Aufschluss der Nahrung müsste im Magen Statt finden und nicht erst im Darm, der Magen dürfte keine Dauersäureproduktion haben und die pH-Werte, ja das ganze Milieu im Verdauungstrakt müsste ein anderes sein.

Dem ist aber nicht so. Die Folge ist, dass mit Eintritt der Nahrung ins Verdauungssystem schon das erste Rädchen ins Schlingern gerät und nach und nach alles aus dem Tritt kommt. Es beginnt schon im Maul: Der Speichel des Pferdes ist basisch, um die Magensäure etwas abzupuffern. Viel Rohfaser muss gut eingespeichelt werden, es gelangt viel Speichel in den Magen – die Säureproduktion ist ausgeglichen. Kraftfutter muss nicht so lange gekaut werden wie Heu, es gelangt also viel schneller mit deutlich weniger basischem Speichel in den Magen. Das Gleichgewicht wankt, es entsteht bereits im Magen mehr Säure.

Warum die meisten domestizierten Pferde kein Kraftfutter brauchen

Stellen Sie sich das Leben als Wildpferd einmal vor: Mindestens 16 Stunden am Tag bewegen Sie sich langsam, ab und zu mal eine sehr schnelle Flucht vor einem Raubtier oder eine kleine Spieleinlage. Immer in Hab-acht-Stellung sein. Fohlen gebären, säugen, betreuen und erziehen. Rangordnung herstellen und halten. Beziehungen pflegen. Und das Ganze der Witterung ausgesetzt, ob es schneit oder stürmt, ob es hagelt oder die Sonne mit 40 Grad vom Himmel brennt.

Wildpferde erledigen diese Höchstleitungen in der freien Natur ohne nur eine Spur von Kraftfutter. Und dennoch haben sie genug Energie all das zu schaffen. Vergleichen Sie den Tag Ihres Pferdes mit den Wildpferde-Bedingungen. Meinen Sie, dass Ihr Pferd mehr leistet?

Pferde, die ihren Kriegseinsatz leisten mussten, Pferde, die den ganzen Tag hart auf dem Felde arbeiten mussten, mögen wirklich vom Fleisch gefallen sein, ohne konzentrierte Futtermittel. Doch diese Verhältnisse sind mit dem heutigen Reiteinsatz nicht vergleichbar. Zumal die Pferde damals zumindest noch gutes Raufutter bekamen (Heu) und keine dieser diversen Zusatzfutter, die es heute gibt.

Tatsächlich belegen Studien, dass heute den meisten Pferden im deutschsprachigen Raum mehr Energie zugeführt wird als sie benötigen. Die Folgen sind für das Pferd zivilisatorische Belastungen und ein Körper, der nicht natürlich stark ist. Daran ist natürlich nicht nur das Kraftfutter Schuld! Den Schwarzen Peter bekommen außerdem zu fette Weiden, zu wenig Bewegung und schädliche Zusatzstoffe sowie Umweltgifte. Doch Kraftfutter ist ein Baustein. 

Welche Bestandteile nicht artgerecht sind

  • Melasse (reiner Zucker)
  • Mais und andere sehr zuckerhaltige Gemüse- und Obstsorten
  • Bananen (verkleben den Verdauungstrakt; außerdem auch zu viel Zucker)
  • Weizen (Klebereiweiß; s.o.)
  • Reiskleie und Luzerne (zu viel Protein)
  • Apfeltrester (Zucker und Pektine, welche zwar dem Darm guttun aber dem Magen schaden)
  • Klebstoffe, Zusatzstoffe, Hilfsstoffe, Färbemittel, Konservierungsstoffe usw.
  • und vieles weitere mehr

Alternativen für mehr Energie

1. Hochwertige Öle wie z.B. Leinöl oder Nachtkerzenöl

Hierzu muss man allerdings wissen, dass sich der pferdische Körper nur kleine Mengen an Fett verfügbar machen kann. Große Mengen über eine Mahlzeit zu kippen, führt nur zu fettiger Haut und Fell, aber nicht zu einer Zunahme von Energie. Die Tagesportion von 10 bis 20 ml Öl kann mit einer kleinen Sprühflasche über die Tagesportion Heu gesprüht werden. So nimmt das Pferd zur Zeit immer nur sehr kleine Mengen des Öls auf und kann sich sämtliche Inhaltsstoffe verfügbar machen.

Leinöl und Nachtkerzenöl haben wertvolle Inhaltsstoffe und werden darum auch gern bei zur Stärkung des Bewegungsapparates, der Haut oder der Atemwege (hier Schwarzkümmelöl) dazu gegeben. Dagegen sind Sonnenblumenöl, Mohnöl und Distelöl mit ungünstigen Inhaltsstoffen versehen und nicht geeignet.

2. Algen wie die Spirulina Alge

Die Spirulina Alge enthält zwar auch viel Protein, doch scheint dieses ein besonders gut verträgliches zu sein – außerdem ist die Tagesportion mit 10 g ja verschwindend gering zu den Kraftfuttermengen, die man für den gleichen Zweck füttern müsste. Die Spirulina Alge schenkt nicht nur mehr Energie, sie enthält auch noch das größte Portfolio an Mineralstoffen, Vitaminen, Aminosäuren etc. Sie tut also dem Pferd ganzheitlich gut. 

3. Kräftigende Kräuter wie Taigawurzel, Moringa etc.

Es gibt einige Kräuter, welche Pferden noch mehr Kraft geben können. Die Taigawurzel z.B. stärkt den gesamten Organismus, die Blätter des Moringabaumes enthalten viele Nährstoffe und Energie, bitterstoffhaltige Pflanzen kräftigen ebenso und so weiter.

4. Verdauung und Stoffwechsel stärken bedeutet mehr Energie zu schenken

Je reibungsloser alle Elemente des Verdauungstraktes funktionieren und ineinander greifen und je stärker der Stoffwechsel ist, desto mehr Energie kann ein Pferd sich aus der Nahrung für den eigenen Organismus verfügbar machen. Gerade diese beiden Körperbereiche haben einen großen Einfluss auf die Energiebilanz Ihres Pferdes. Denn ein natürlich starkes Pferd ist ein Pferd mit viel Energie. :-)

 

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