Ein kleiner Wegweiser im Wirrwarr der Pferdefutter-Angebote
Das Internet und der Futtermittelhandel sind voll mit tausenden von unterschiedlichen Pferdefuttern: Müslis, Kraftfutter, Cobs, getreidefreie Futtermittel,... Das Auge springt von einem Werbeversprechen wie "geeignet bei EMS, Hufrehe" oder "sorgt für eine gute Verdauung" zum nächsten. Da steht so mancher Pferdebesitzer vor einer Flut an Angeboten und weiß überhaupt nicht mehr, wofür er/sie sich entscheiden soll. Doch: welches Pferdefutter ist nun wirklich gesund und welches ungesund? Und viel wichtiger: warum? Das möchten wir in diesem Artikel klären.
1. Werbeaussagen und Wahrheiten sind machmal zwei verschiedene Paar Schuhe ...
Viele Menschen vertrauen den Werbeaussagen der Industrie aufs Wort. Und Vertrauen ist auch wirklich zauberhaft! Aber manchmal wird dieses Vertrauen ausgenutzt. Da ist die Futtermittelindustrie nicht anders als die Lebensmittelindustrie, in der absolut ungesunde Produkte als gesund beworben werden... Inhaltsstoffe werden nicht per se danach ausgesucht, ob sie gesund, bekömmlich und (im Fall von Pferdefutter) auch artgerecht sind. Sondern für die Industrie sind z.B. auch die Verarbeitungsfähigkeit des Futters, seine Akzeptanz und sein Nähwert relevant. Es macht also Sinn, wenn ich viel verkaufen möchte, das Futter besonders hübsch zu machen, damit der Pferdebesitzer es schön findet - ggf auch noch etwas Aroma zu verwenden, damit es besonderes aromatisch duftet. Zweitens soll das Futter vom Pferd auch super gern gefressen werden, damit der Kunde es wieder kauft. Und drittens muss es zielgerichtete Nährstoffe beinhalten.
Warum wird aus diesen Wünschen nun ggf das, was wir Pferdeleute eigentlich gar nicht möchten?
Weil alles, was auf ganz natürliche, artgerechte Art und Weise besonders hübsch, besonders aromatisch und besonders lecker ist, sehr teuer ist. Wunderbare Blüten sind so etwa das Teuerste, was man an Pflanzenteilen so kaufen kann. Gleiches gilt für echte ätherische Öle: Da kostet eine winzig kleine Flasche schon mehrere Euro... stell Dir vor, was davon in eine 20kg-Tüte rein müsste, damit das Futter wirklich ein wenig duftet. Und lecker sind für Pferde zum Beispiel bestimmte Samen wie Fenchel... auch die sind auf eine 20kg-Tüte gerechnet wesentlich teurer als eine gute Portion Melasse oder Mais-Chips. Gleiches gilt für bestimmte Nährwerte: viel Protein über Erbsen zu bekommen ist wesentlich günstiger als über Luzerne, Hanfsamen, Spirulina Alge usw.
2. Was bewahrt mich denn nun vor ungesundem Pferdefutter?
Wissen und Mühe. Schau Dir immer die Zusammensetzung-Liste an. Dort erfährst Du nicht nur genau, WAS drin ist, sondern Du kannst durch die Reihenfolge der Auflistung auch darauf schließen, WIEVIEL davon drin ist: Je weiter vorne in der Liste, desto mehr ist davon enthalten.
Um diese Liste aber adäquat auswerten zu können, musst Du wissen, welche davon gut für dein Pferd sind und welche nicht und wieso. Darum starten wir nun mit den einzelnen Bestandteilen.
3. Getreide im Pferdefutter: Gesund oder ungesund?
Ja und nein. Viele Getreidesorten sind für Pferde unverträglich wie z.B. Weizen, Dinkel, Roggen, usw. Hafer hingegen ist nicht per se ungesund für Pferde. Hier hängt es sehr von der Darreichungsform ab: Da Pferde rohfaserreiche Futtermittel benötigen, damit ihre Verdauung gut funktionieren kann, passt Hafer da auf den ersten Blick nicht rein, denn es enthält viel Energie auf sehr wenig Rohfaser. Darum kann Hafer in großen Mengen und auf nüchternen Magen sogar Magenerkrankungen verursachen (hierzu gibt es eine schon etwas ältere Studie an Rennpferden).
Wenn du den Hafer aber in eine Basis aus rohfaserreichem Futter gibst (wie z.B. in Heucobs). Wenn du dein Pferd grundsätzlich über den Tag mit Heu versorgst. Und dann noch den ganzen Hafer fütterst (anstatt den geschrotenen), dann imitierst du damit die natürliche Futteraufnahme eines Pferdes und auch Hafer wird zu einem gesunden Futtermittel: Denn dein Pferd würde ja nie die Haferkörner aus der Pflanze pulen und den Rest stehen lassen, sondern dein Pferd würde die ganz Pflanze fressen (viel Rohfaser) und dabei den Samen (viel Energie in geringerer Konzentration) mit aufnehmen.
Alternativ kann man auch gleich Grünhafer füttern - dann hast du automatisch die ganze Pflanze dabei 😉 Hier gibt es allerdings sehr große Qualitätsunterschiede: Grünhafer muss wirklich grün und sehr strukturiert sein, damit er einen Ernährungseffekt hat. Wenn er braun, weich und dünn ist, kurz geschnitten, dann fütterst du eher Stroh als Grünhafer 😉 Und der Grünhafer muss natürlich gemeinsam mit dem angelegten Haferkorn geerntet werden und nicht als Abfallprodukt nach der Haferernte.
4. Ist Zucker wirklich ungesund für dein Pferd?
Klares "Ja!" Das Pferd ist ein Steppentier. Es ernährt sich seit Urzeiten von rohfaserreichen aber energiearmen Gräsern und Pflanzen. Darauf ist sein ganzer Körper eingestellt. Nichts anderes kann es gut verdauen und verwerten.
Zucker ist das Gegenteil von rohfasereich und energiearm. Denn Zucker hat gaaaanz viel Energie auf so gut wie null Rohfaser. Ja, Gras enthält auch Zucker, das Fruktan. Das ist richtig. Dennoch ist das Zucker in Gras nicht konzentriert und vor allem gebunden in eine rohfaserreiche Pflanze. Und: Die Gräser, auf die das Pferd von der Evolution geeicht ist, enthalten relativ wenig Zucker / Fruktan... Darum kommen Pferde auch nicht auf Kuhweiden klar, die vom Menschen extra auf eine erhöhte Milchproduktion (also viel Fruktan) hin gezüchtet wurden.
4.1. Welche versteckten Zucker (Kohlenhydrate) gibt es im Pferdefutter?
Leider steht Zucker fast nie in der Zusammensetzungs-Liste. Warum? Weil kein raffinierter Zucker hinzu gegeben wird. Dennoch ist das Futter ggf alles andere als zuckerfrei. Wie kann das sein? Indem einfach auf sehr zuckerhaltige Nahrungsmittel ausgewichen wird, um das Futter besonders schmackhaft zu machen und eine gewisse "Wiederverkaufs-Garantie" zu erreichen. Denn wenn das Pferd das Zu... äh Futter gerne frisst, dann wird der Besitzer es in der Regel auch wieder kaufen.
Hier eine (nicht vollständige) Liste mit Nahrungsmitteln mit hohem Zucker- oder Kohlenhydratanteil:
- Reis (81 g Kohlenhydrate auf 100g)
- Melasse (75 g Zucker auf 100 g)
- getrocknete Bananen (47 g Zucker & 64 g Kohlenhydrate auf 100g)
- Trockenobst (40 g Zucker auf 100g)
- getrocknete Karotten (ca. 35 g Gesamtzucker auf 100g)
- Sojabohne (30 g Kohlenhydrate auf 100g)
- Zuckerrüben (17 - 19 g auf 100 g)
- Mais (16 g Kohlenhydrate auf 100g)
- Erbsen (14 g Kohlenhydrate auf 100 g)
- Hafer (12 g Kohlenhydrate auf 100g)
- usw
In diesem Vergleich sieht man auch sehr schön, dass der so sehr verschriene Hafer gar nicht so schlimm ist wie ihm oft angelastet wird, sondern das viele viele Inhaltsstoffe in Müslis und Co. deutlich krasser sind für ein Pferd.
5. Welche Zusätze sind noch ungesund (außer den zucker- & kohlenhydratreichen)?
Wenn wir uns wie oben den Zucker- und/oder Kohlenhydratanteil ansehen, dann wissen wir bereits, welche Futtermittel am besten Fall nicht ins Pferd kommen sollten... Es gibt aber noch ein paar andere, die aus anderen Gründen nicht ideal sind in der Pferdeernährung:
- Ph-Wert verändernde Futtermittel
Futtermittel, die die ph-Werte im Verdauungstrakt verändern, verändern das zur Verdauung essentielle Mikrobiom, das auf einen gewissen ph-Wert angewiesen ist. Diese Veränderung verschlechtert die Verdauung und kann noch viele andere gesundheitliche Folgen haben. Hierzu gehören alle angesäuerten Futtermittel wie z.B: Heulage / Silage - Futtermittel, die kein artgerechtes Calcium-Phosphor Verhältnis aufweisen
Beim gesunden, erwachsenen Pferd sollte das Calcium-Phosphor-Verhältnis 2:1 betragen. Manche Futtermittel verschieben dieses Verhältnis zur einen oder anderen Seite. Das ist nicht per se schlimm, muss aber dringend durch andere Futtermittel ausgeglichen werden. So verschiebt Hafer z.B. Richtung Phosphor, Luzerne und Esparsette Richtung Calcium. In einem Mischfuttermittel sollte dieses Verhältnis gerade gerückt sein. Wenn nicht, ist es nicht gut für dein Pferd. - Darmflora-verändernde Futtermittel
Futtermittel mit Pektinen können die Darmflora aus dem Tritt bringen. Hierzu gehören z.B. Rüben, aber auch Äpfel in größeren Mengen. Auch Hefen können einiges durcheinander bringen, darum ist Bierhefe beim Pferd immer mit Vorsicht zu genießen und aktivierte Hefe sollte auf keinen Fall ins Pferd. Die physiologische Darmflora wird aber natürlich auch durch Zucker zerstört. - Schleimhäute schädigende Futtermittel
Eine Tierärztin, die sehr viele Kolik-Pferde operiert hatte, erzählte uns mal, welche Futtermittel die Schleimhäute des Verdauungstraktes besonders schädigen. Woher sie das wusste? Sie fand diese Futtermittel beim Aufschneiden in den Schleimhäuten stecken: Hierzu gehört rohe, also unverarbeitete Luzerne. Denn diese hat Widerhaken, die sich in die Magen- und Darmwände bohren und dort auch bleiben. Dazu gehören aber auch sehr kurz geschnittene, scharfe Gräser. (Man sagt, alles unter 5mm Länge ist nicht gut verarbeitbar für Pferde; sowohl vom Gebiss als auch vom Verdauungsapparat). - Duftstoffe
Das ist logischerweise nicht gerade ideal für die Atemwege, aber auch nicht für die Verdauung. Wenn ein Futter also SEHR intensiv riecht, darf man also schon mal skeptisch werden...
6. Welche Rohstoffe sind gesund für dein Pferd?
Eigentlich ist es so langweilig wie kurz: Alles, was dein Pferd als Wildpferd ggf auch gefressen hätte... Mit dieser Idee im Hintergrund wird die Liste der "guten Futtermittel" für Pferde relativ kurz. Denn wir wissen ja alle, wovon sich freilebende Pferde ernähren:
- Gräser (zuckerarme, rohfaserreiche)
- Kräuter: Blätter, Äste, Wurzeln, Rinden, Samen
- ein paar wenige Beeren
- Alles, was aus den selben klimatischen Zonen kommt / dort wächst, von denen das Pferd stammt
- je nach Region ggf auch Wasserpflanzen und Flechten wie Moose oder Algen
- etc
Was sind die guten Bestandteile in der Zusammensetzung-Liste?
Wenn wir also die oben genanten Parameter zugrunde legen, sind folgende Futtermittel super:
- alles, was auf Gräsern basiert (Heucobs z.B., aber auch Grünmehl etc.)
- ölhaltige Samen und Kerne
- Meerespflanzen (z.B. Algen)
- Kräuter (allerdings im jahreszeitlichen Rhythmus und nicht dauerhaft)
- Flechten / Moose
- Grünhafer oder Hafen im Rohstoff-Verbund